Nie wieder…

… lassen wir es zu, dass unser Volk vernichtet wird. So werden viele Israelis denken, und vor diesem Hintergrund sehen sie den Präventivschlag gegen den Iran. Auch unsere Freunde in Ganey Tikva sind so motiviert. Mit dem Wissen um die Vernichtung von ca. sechs Millionen Juden im Holocaust und um alle Pogrome gegen Juden früher und heute, ist diese Einstellung nachvollziehbar.

Eine Freundin legt dabei aber Wert auf die Feststellung, dass der Einsatz gegen den Iran „perfekt“ mit den USA abgestimmt war, auch wenn weltweit Schlagzeilen die Runde machen würden, dass es ein Angriff Israels sei. Ja, Israel wir in den Medien gerne als Ursache des Übels genannt. Das stimmt die Menschen in Israel traurig.

Um der Vernichtung ihres Staates und eines großen Teils ihres Volkes zuvorzukommen, sind Israelis auch bereit, einen hohen Preis zu zahlen. Dies bedeutet, einen Krieg auszuhalten, der das öffentliche und private Leben auf den Kopf stellt, und bereit zu sein, Verwüstung, Verletzung und Tod bis in die eigene Familie hinzunehmen. Ein junger Mitarbeiter der Stadtverwaltung Ganey Tikva ist vor einem halben Jahr erstmals Vater geworden. Seine Frau und sein Sohn befinden sich in einem sicheren Haus in einer Nachbarstadt, während er im „Hamal“, dem Krisenzentrum oder der Einsatzzentrale der Stadt Ganey Tikva arbeitet. Welche Situation für eine junge Familie!

Im Hamal wird für die Sicherheit in der Stadt gesorgt und alles dafür getan, die Menschen in Ganey Tikva zu schützen und zu unterstützen. Aus der Stadtverwaltung unserer Partnerstadt hören wir immer auch Selbstvertrauen heraus: Wir sind stark, wir unterstützen uns gegenseitig im Krieg und hoffen auf Frieden.

Eine Freundin erklärt, sie habe die Nase voll vom Krieg, und hofft, dass alles bald vorbei ist. Aber sie weiß, „sie“ (die Regierung) werden dieses Mal nicht aufhören, bevor alles vorbei ist. Sie meint, bis das terroristische Regime des Iran mit seinen Proxys besiegt ist.

Derweil müssen alle Zivilisten, alte und kranke Menschen, Menschen mit Behinderung, junge Familien bei Alarm in Windeseile ihre Schutzräume oder öffentliche Schutzbunker aufsuchen, und das ist derzeit nicht selten. Unsere Freunde schreiben, dass sie sich am ersten Tag fast ständig im Schutzraum aufhalten mussten und ihn nur für kurze Zeit verlassen konnten.

Hier Eindrücke der Journalistin Sabine Brandes in Tel Aviv:

Die Namen hinter einem Raketeneinschlägen

https://www.juedische-allgemeine.de/?p=2592475

19-mal Rennen, 19-mal Herzrasen, 19-mal nackte Angst

https://www.juedische-allgemeine.de/?p=2591779

Wie wir aus dem Medien wissen, ist der Iran immer noch in der Lage, viele Raketen an viele Orte zu schicken. Die israelischen Abwehrmaßnahmen funktionieren, sind aber oft wegen der Vielzahl der Raketen überfordert, und außerdem darf man nicht vergessen, dass auch die zahlreichen Raketentrümmer viel Schaden anrichten können.

Auf den Fotos, die wir aus Ganey Tikva erhalten, sieht man erschöpfte Gesichter. Wie zermürbend eine solche Situation ist, können nur Menschen einschätzen, die von Krieg bedroht sind, wie aktuell im Nahen Osten oder in der Ukraine. Die existenzielle Sorge, die den Menschen in unserer israelischen Partnerstadt durch den Iran vermittelt wird, können vielleicht die Menschen in unserer ukrainischen Partnerstadt Butscha am besten verstehen, schließlich werden sie seit über vier Jahren von Russland, einem politischen Partner des Iran, in ihrer Existenz bedroht.

Die Mitglieder unseres Vorstandes haben in verschiedenen E-Mails zu unterschiedlichen Kontaktpersonen in Ganey Tikva immer wieder unsere Unterstützung und unsere Solidarität erklärt. Dies stößt in Israel stets auf sehr viel Freude. Wir können herzlich wenig tun, aber es ist für unsere Freunde und für unsere Partnerstadt wichtig zu wissen, dass wir sie mit Verständnis und Zuwendung unterstützen, in Gedanken bei ihnen sind und für Sie beten. Dieser Zuspruch bedeute den Menschen dort sehr viel.

Viele Menschen in Europa sehen den Präventivschlag auf den Iran als gerechtfertigt an. Der Iran ist mit seiner islamistischen Ausrichtung eine Bedrohung für Europa, für Deutschland. „Unsere“ Israelis haben uns immer wieder auf die terroristischen Zellen in Europa hingewiesen, und viele betonen, dass der Iran über Raketen verfügt, die bis Europa reichen und daran arbeitet, Raketen herzustellen, die bis in die USA reichen. So ist es ihre feste Überzeugung, dass sie diesen Krieg auch für Europa und für uns in Deutschland führen.

Vielleicht können nicht alle hier bei uns diese Gedankengänge nachvollziehen, aber der Angriffskrieg gegen die Ukraine hat uns gezeigt, wie vulnerabel unser Frieden in Europa ist. Hinzu kommen viele islamistisch motivierte Anschläge und gewaltverherrlichende Demonstration auf unseren Straßen – das alles sind Auswirkungen von terroristischen Regimen. Israelis sind mit dieser Sachlage ein Leben lang vertraut, und auch die Kinder, die heute ständig wieder mit einem Notfallrucksack in die Unterkünfte fliehen oder sich im Schutzraum in ihrer Wohnung verstecken müssen, saugen dies mit der Muttermilch auf, so auch der junge Sohn des Mitarbeiters der Stadtverwaltung Ganey Tikva.

Einer unserer Freunde beschreibt mit jüdischem Humor die Widerstandskraft seines Volkes: „Wir haben den Pharao überlebt, wir überleben auch das.“

Das hoffen wir mit ganzem Herzen!


Hier ein Update aus Ganey Tikva von heute:

Vielen Dank für dein Interesse. Deine Sorge rührt mich sehr.

Die Lage ist nicht einfach, wir befinden uns im „Kriegsmodus“, sind den ganzen Tag zu Hause, in der Nähe des Sicherheitsraums. Im Moment sind nur die wichtigsten Geschäfte geöffnet; Schulen und Kindergärten sind geschlossen.

Gestern waren wir kurz draußen, um frische Luft zu schnappen und einzukaufen, und natürlich hat uns ein Alarm überrascht. Wir waren im Supermarkt zusammengepfercht, und die Tür ging nicht zu. Deshalb fühle ich mich zu Hause sicherer.

Aufgrund der Reichweite der iranischen Raketen gibt es dort eine Vorwarnung von bis zu 10 Minuten, während die Raketen aus dem Libanon nur einen Alarm auslösen. Man hat dann nur anderthalb Minuten Zeit, sich in Sicherheit zu bringen. Die Widerstandsfähigkeit der Bevölkerung ist stark beansprucht.

Gestern gab es Angriffe auf alle Siedlungen in unserer Umgebung! Es gibt eine neue Rakete, die vor oder während des Abfangens explodiert und sich in viele kleinere Sprengkörper aufteilt, die sich über ein größeres Gebiet verteilen und Schaden anrichten. Die gesamten Schäden gestern in unseren Nachbarorten wurden durch solche Splitter verursacht.

Der Lärm der Abfangmanöver und der Einschläge in offenen Gebieten ist furchtbar.

Vor ein paar Tagen war die Hälfte von Ganey Tikva abends ohne Strom, nachdem ein Raketentrümmerteil eine Stromleitung im nahegelegenen Savyon beschädigt hatte. Die Leitung war stundenlang außer Gefecht gesetzt.

Wir sind in ständiger Alarmbereitschaft. Mit Alarmen, Gebeten und Angst. Mit Schuldgefühlen, falls wir den Knall schon hören und er uns nicht trifft … sondern jemand anderen …

Wir beten für bessere Tage und trösten uns damit, dass wir Geschichte schreiben, in der Hoffnung, dass all dies nicht umsonst war.

 

 

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