Werft die Kinder weg! – Mit zwei kleinen Kindern durch Auschwitz, Zeugenbericht von Ester Weiss

Am Dienstag, 26.04.2022, las Dr. Frank Beer den bewegenden Zeitzeugenbericht von Ester Weiss „Mit zwei kleinen Kindern durch Auschwitz“. Dieser Bericht wurde von ihm und Markus Roth in einer neuen Quellenedition erstmals in deutscher Sprache veröffentlicht. Die Quellenedition trägt den Titel: Von der letzten Zerstörung. Die Zeitschrift ‚Fun letstn churbn‘ der Jüdischen Historischen Kommission in München 1946-1948. Berlin, 2021.

Lutz Urbach, Vorsitzender des Städtepartnerschaft Ganey Tikva – Bergisch Gladbach e.V., dankte Dr. Frank Beer in seiner Begrüßungsansprache für dessen umfangreiches Engagement: „Danke an Dr. Frank Beer, der diese und viele andere Zeugnisse gefunden und für Deutsche zugänglich gemacht hat. Für mich sind Sie, lieber Herr Dr. Beer, der „Aufstöberer“ verborgener Geschichten aus der dunklen Zeit der Shoa. Viele Zeugenberichte sind in Deutschland bereits dokumentiert worden, aber Sie haben ein besonderes Gespür: das Gespür, die bei uns unbekannten Geschichten und Zeugnisse z.B. in polnischen Archiven und Antiquariaten auszugraben, sie übersetzen zu lassen und herauszugeben, damit auch diese Teile der großen erschreckenden Wahrheit über den Holocaust nicht in Vergessenheit geraten.“

Im Rahmen der Veranstaltung wurde Dr. Frank Beer aufgrund seiner Verdienste die Ehrennadel der Stadt Bergisch Gladbach durch den stv. Bürgermeister Josef Willnecker verliehen. Wer die rund 10 cm dicken Bücher sieht, die Frank Beer meist in einer Herausgebergemeinschaft veröffentlicht hat, der kann das mühevolle Zusammentragen der vielen Zeitzeugenberichte ermessen. Es gibt so viele Berichte, die nach der „Befreiung“ der Konzentrationslager dokumentiert wurden – häufig in Jiddisch oder aber in anderen Sprachen, wie Polnisch –, die aber bislang nicht ins Deutsche übersetzt wurden. Josef Willnecker betont daher die Leistung des Bergisch Gladbachers, diese historischen Dokumente bewahrt zu haben. Dr. Frank Beer bestätigt in seiner Dankesrede so auch schmunzelnd, dass sich tatsächlich in jeder Edition der Name „Bergisch Gladbach“ wiederfinde. Er fühle sich in der Stadt wohl und daher gut gerüstet für seine Arbeit.

„Die Zitrönchen“ unter Leitung von Roman Oračko trugen mit bewegenden Klezmer-Stücken musikalisch zum Programm bei und öffneten passend zum Thema ein wenig die jüdische Seele.

Der Zeitzeugenbericht von Ester Weiss

Das, was Ester Weiss ganz nüchtern und überaus detailliert zu Protokoll gibt, hinterlässt die Gäste schweigend und tief betroffen. Sie hat es mit unerschütterlichem Mut, mit hoffnungsvollem Glauben und mit der konsequenten Haltung „Ich gehe mit meinen Kindern“ geschafft, ihre Tochter und den kleinen Sohn durch die Hölle von Auschwitz-Birkenau zu bringen. Auch einige schicksalshafte Wendungen halfen ihr dabei, z.B. verhinderte der Erlass aus Berlin, die Gaskammern nicht weiter zu betreiben, und der bedingungslose Gehorsam der SS, dass ihre Tochter ermordet wurde. Sie war der letzten Gruppe zugeteilt, die für die Gaskammer bestimmt war.

Esters Geschichte endet gut – in dem Sinn, dass sie mit beiden Kindern trotz lebensbedrohender Umstände, gefährlicher Erkrankungen und der zeitweisen Trennung von der Tochter überlebt. Auch ihr Mann überlebt das Männerlager. Der Bericht liest sich wie eine Aneinanderreihung von Wundern. So paart sich die Betroffenheit der Gäste mit Erleichterung. Und doch: Im anschließenden Gespräch wird deutlich gemacht, dass es zwar viele Beispiele von Rettung gibt. Diese aber sind die Ausnahme! Millionen von Menschen fanden den grausamen Tod. Und was bedeutete „Rettung“ für die Überlebenden? Sie haben das Durchlittene mit in das Leben danach nehmen müssen.

Dr. Frank Beer schildert, dass nur Menschen, die sich emotional zurücknehmen konnten, die findig waren, sich nicht immer nur einschüchtern ließen oder wie Ester Weiss ihre Kinder durchbringen wollten, eine kleine Chance hatten, den Horror und die Menschenverachtung durchzustehen.

Ein jüdischer Mitgefangener, der für die SS arbeiten musste, flüsterte Ester heimlich mit dem Wunsch, ihr zu helfen, zu: „Wirf die Kinder weg!“ Brutal. Unverständlich! Unverzeihlich! Aber das hatte ihn die Erfahrung gelehrt: Kinder können in Auschwitz nicht überleben. Eltern hatten nur ohne ihre Kinder eine kleine Chance. Der Mann konnte das aber nicht alles weitschweifig erklären, schließlich durfte er bei Strafe nicht mit den Neuankömmlingen reden. So konnte er nur diesen einen Satz flüstern. Ein anderes Mal erhielt Ester den Rat: „Wenn sie dich nach den Kindern fragen, heul bloß nicht!“ Was sollte das bedeuten? Gemeint war, dass die SS auf Heulen und Betteln drastisch reagieren würde. Heulen und Betteln würde nämlich an ihren Nerven zerren, das mochten sie nicht. Also sollten die Mütter emotionslos bleiben, damit sie nicht auffielen und vielleicht eine Chance hatten, nicht direkt ins Gas gehen zu müssen.

In der Fragerunde wurde auch angemerkt, dass die Angaben von Zeiten und Orten im Bericht überaus präzise sind. Dies begründet Dr. Franek Beer mit der Unmittelbarkeit der Aufzeichnung nach der „Befreiung“. Das Erlebte ist noch sehr präsent und kann daher bis in kleine Details wiedergegeben werden. Esters Zeitangaben entsprechen den historisch belegbaren Ereignissen. Je mehr Zeit zwischen dem Erlebten und den Berichten verstreicht, desto mehr Details werden nicht mehr konkret erinnert. Dadurch werden diese frühen Zeitzeugenberichte so wertvoll – auch wenn ihre nüchterne, trockene und emotionslose Darstellung erschüttert.

Der Zeitzeugenbericht von Ester Weiss wird die Gäste der Veranstaltung nicht so schnell loslassen. Ihre Geschichte ist eine wertvolle Facette im Wissen um den Holocaust. In diesem Sinne war die Lesung eine echte Bereicherung. Danke an Dr. Frank Beer!

Zur Person: Dr. Frank Beer

Frank Beer wurde 1965 in Cham/Bayern geboren und wuchs in Baden-Württemberg auf. Nach dem Studium der Chemie mit anschließender Promotion an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz folgte eine Auslandstätigkeit in Großbritannien. Seit 1999 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter einer Bundesbehörde in Bergisch Gladbach.

Seine publizistische Tätigkeit zu Zeitzeugenberichten über den Holocaust begann 2011 mit der Veröffentlichung des von ihm erstmals in Deutschland beachteten und von ihm übersetzten Augenzeugenberichts von Rudolf Reder über das Vernichtungslager Belzec. 2014 gab er zusammen mit Wolfgang Benz und Barbara Distel eine Quellenedition mit Berichten der Zentralen Jüdischen Historischen Kommission in Polen heraus. 

Lesen Sie dazu auch: https://www.bergischgladbach.de/news/43181/engagement-gegen-das-vergessen-ehrennadel-der-stadt-bergisch-gladbach-fuer-dr-frank-beer-

Liste der herausgegebenen Bücher:

Frank Beer, Wolfgang Benz, Barbara Distel (Hg.). Nach dem Untergang. Die ersten Zeugnisse der Shoah in Polen 1944-1947. Berlin, 2014.2)  

Mordechai Strigler (Autor), Frank Beer (Hg.). Majdanek. Ein früher Zeitzeugenbericht vom Todeslager. Springe, 2016.

Mordechai Strigler (Autor), Frank Beer (Hg.). In den Fabriken des Todes. Ein früher Zeitzeugenbericht vom Arbeitslager. Springe, 2017.4)  

Abraham Teitelbaum (Autor), Frank Beer (Hg.). Warschauer Innenhöfe. Jüdisches Leben um 1900 – Erinnerungen. Göttingen, 2017.5)  

Menashe Unger (Autor), Frank Beer (Hg.). Die Rabbis von Pschis’che und Kotzk, Spirituelle Meister des Chassidismus an der Schwelle zur Moderne. Berlin, 20196)  

Mordechai Strigler (Autor), Frank Beer (Hg.). Werk C, Verloschene Lichter III. Ein Zeitzeugenbericht aus den Fabriken des Todes. Springe, 2019

Frank Beer, Markus Roth (Hg.). Von der letzten Zerstörung. Die Zeitschrift ‚Fun letstn churbn‘ der Jüdischen Historischen Kommission in München 1946-1948. Berlin, 2021 

Buchpreis:

Der literarische Bericht „In den Fabriken des Todes“ gewann den 3. Platz in der Kategorie „Autobiographisches“ beim DAMALS-Bücherwettbewerb „Das historische Buch des Jahres 2017“.

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