Amos Oz: Esperanto – Die Geschichte von Martin im Kibbuz

Am Vorabend des Gedenktages an die Gründung der Staates Israel (14. Mai) hatte unser Verein in das Rathaus Stadtmitte zu einer Lesung aus der Kurzgeschichtensammlung von Amos Oz, „Unter Freunden“ eingeladen. Es handelt sich hierbei um acht Kurzgeschichten, deren Schauplatz ein Kibbuz der späten 1950er Jahre ist. Amos Oz hatte selbst als Jugendlicher einen Kibbuz zur Heimat gewählt.

Zunächst aber begrüßte unser Vorsitzender Willy F. Bartz die Gäste der Veranstaltung und setzte in seiner Ansprache einige Schwerpunkte zum Gedenktag und zur Kibbuz-Geschichte. Arne Meinhardt (Akkordeon) und seine Tochter Anaïs (Cello) begleiteten die Veranstaltung mit einfühlsamen Klezmer-Musikstücken, darunter die inoffizielle israelische Nationalhymne “Yeruschalayim shel Zahav“ (Jerusalem aus Gold).

Heinz D. Haun las die Kurzgeschichte „Esperanto“, die den Wunsch eines alten Mannes beschreibt, Frieden durch eine gemeinsame Sprache, also Esperanto, zu schaffen. Martin ist ein Holocaust-Überlebender und schwer krank. Am Schluss der Geschichte stirbt er, kurz nachdem er seine erste Esperanto Stunde durchgeführt hat.

Warum Esperanto?

Martin hatte zur ersten Esperanto-Stunde eingeladen und verdeutlichte dort zunächst einige seiner Prinzipien und Vorstellungen: „[..] Mosche Jaschar [betrat] den Clubraum und fragte höflich, ob der Unterricht nur für Kibbuzmitglieder sei oder auch für Schüler von außen, die im Kibbuz wohnten. Martin erwiderte: ‚Bei uns gibt es keine Grenzen und Ausgrenzungen. Wir sind prinzipiell gegen Grenzen.'“

Weiter erläuterte er: “ ‚Wenn alle Menschen eine gemeinsame Sprache sprechen, gibt es keine Kriege mehr, denn die gemeinsame Sprache wird Missverständnisse zwischen den Einzelnen und auch zwischen den Völkern verhindern.‘ Zvi Provisor bemerkte, dass die Deutschen und die deutschen Juden dieselbe Sprache gesprochen hätten, und das habe die Verfolgung und Ermordung nicht verhindert.“

„Martin sagte, es seien die unklaren Wörter, die überall die Beziehung zwischen den Menschen vergifteten, und klare, eindeutige und wohlklingende Wörter könnten diese Beziehungen heilen, unter der Bedingung, dass es eine allen gemeinsame Sprache mit solchen richtigen Wörtern gebe. Moshe Jaschar sagte keinen Ton, aber insgeheim dachte er, dass das Leid in der Welt noch vor den Worten geboren worden war.“

Entnommen aus: Amoz Oz. Unter Freunden. Esperanto. Suhrkamp. 2013

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